Szene aus dem KMU-Alltag: Wenn KI auf Unsicherheit trifft
Als Sabine an diesem Morgen die Eingangstüre der kleinen Metallbaufirma aufstößt, riecht es bereits nach Kaffee, kaltem Stahl und etwas, das man nur schwer benennen kann: Erwartung. Oder vielleicht Nervosität. In der Teeküche reden zwei Kollegen über das Wochenende. In der Produktion summen die Maschinen wie immer. Alles wirkt normal. Und doch ist heute etwas anders.
Sabine startet den PC auf ihrem Schreibtisch. Darauf: ein KI-Agent, der von einer externen IT-Firma eingekauft wurde. Er soll die Angebote berechnen, automatisiert erstellen und verschicken, Fehler reduzieren und Prozesse beschleunigen. Der Berater nannte die KI einen „Wettbewerbsvorteil“. Sabine nannte sie insgeheim einen Hoffnungsträger.
Im wöchentlichen Meeting steht der Punkt „neue KI-Software“ auf der Agenda. Sabine räuspert sich als der Punkt an der Reihe ist. „Hat schon jemand den Agenten ausprobiert?“
Stille.
Markus, seit 18 Jahren im Betrieb, hebt schließlich die Hand. „Also, ich hab’s geöffnet. Aber ehrlich gesagt … ich wusste nicht so richtig, was ich machen soll – trotz der Einführungsschulung.“
Er sagt den nächsten Satz nicht. Aber er liegt im Raum wie ein unausgesprochener Gedanke, seitdem die Entscheidung für die Software gefallen war: Wenn die Maschine jetzt Angebote schreibt – was ist mit meiner Arbeit? Was bleibt für mich, wenn die KI soviel übernimmt?
Eine Kollegin von Sabine lächelt, nickt, versucht die laute Stille mit einem flapsigen Kommentar zu übergehen. Dankbar nimmt die Runde den Kommentar auf und der Agendapunkt bleibt offen, der nächste Punkt scheint wichtiger. Sabine macht mit, doch in ihrem Bauch zieht sich etwas zusammen. Irgendwie hatte sie geglaubt, Technologie sei wie ein Schalter: umlegen – und plötzlich wird alles schneller, besser, effizienter.
Später sitzt sie allein im Büro und schaut auf den Hof, wo ein Gabelstapler seine Runden dreht. Ihr kommt ein anderer Gedanke: Vielleicht ist diese KI kein Werkzeug. Vielleicht ist sie eher wie ein neuer Kollege, eine neue Kollegin. Jemand, der schon da ist – aber den noch niemand richtig begrüßt hat.
Sie postet in den Team-Chat: „Lasst uns morgen eine Stunde Zeit für die KI nehmen. Nicht, um über Funktionen zu reden. Sondern darüber, was wir uns eigentlich von dieser KI erhoffen.“
Als sie fertig ist, fühlt sie sich leichter. Nicht, weil die Technik besser geworden ist. Sondern weil sie zum ersten Mal spürt, dass der eigentliche Wandel woanders beginnt.
Was Sabine an diesem Tag lernt, steht in keiner Bedienungsanleitung für KI.
Aber es entscheidet darüber, ob ihr Unternehmen in fünf Jahren schneller ist als der Wettbewerb – oder nur digitaler aussieht.
Warum Unternehmenskultur über den Erfolg von KI entscheidet
Klar, Sabine könnte auch irgendwie anders heißen und in einer anderen Firma arbeiten. Viele kleine und mittlere Unternehmen machen derzeit ähnliche Erfahrungen wie unsere fiktive Protagonistin Sabine. Sie investieren in Software, Datenplattformen und Automatisierung – und stellen Monate später fest: Die Technik läuft. Die Wirkung bleibt aus.
Die KI ist da. Aber sie fühlt sich an wie ein Fremdkörper.
Sabine stößt einige Tage später auf eine wissenschaftliche Studie. Sie bleibt an einem Satz hängen, den sie zweimal liest:
Der stärkste Erfolgsfaktor für KI ist nicht Rechenleistung. Es ist die Unternehmenskultur.
Mit anderen Worten: Kultur ist das Betriebssystem, auf dem jede KI läuft.
Unternehmenskultur bedeutet in diesem Zusammenhang nicht Kickertisch oder Obstkorb. Es geht um stillere, mächtigere Fragen:
- Dürfen Menschen Neues ausprobieren, ohne Angst zu haben, sich zu blamieren?
- Werden Informationen geteilt – oder wie Besitz verteidigt?
- Fühlen sich Mitarbeitende verantwortlich – oder nur zuständig?
KI bringt eine neue Logik in den Betrieb. Entscheidungen sollen plötzlich auf Daten beruhen, nicht nur auf Erfahrung, Bauchgefühl oder Hierarchie. Für viele fühlt sich das nicht nach Fortschritt an, sondern nach Kontrollverlust.
Und genau hier beginnen die meisten KI-Projekte zu scheitern.
Nicht, weil Algorithmen zu schlecht sind.
Sondern weil Ängste zu leise bleiben.
Die größte Angst vor KI ist nicht, ersetzt zu werden.
Es ist die Angst, überflüssig zu wirken, die eigene Kompetenz angegriffen zu sehen.
Wenn diese Angst keinen Platz bekommt, wird auch die KI keinen finden.
Wie KI Marktperformance und Wettbewerbsfähigkeit wirklich beeinflusst
In Strategiepapieren liest man, dass KI Prozesse beschleunigt, Kosten senkt und die Marktperformance steigert. Das stimmt im Idealfall. Aber es ist nur die halbe Wahrheit.
Die andere Hälfte lautet: KI verstärkt, was bereits da ist.
In Unternehmen mit offener Kommunikation wird sie zum Katalysator für bessere Entscheidungen. In Unternehmen mit Silos wird sie zur weiteren Datenquelle, die niemand wirklich nutzt. In Betrieben mit Vertrauen wird sie zum Lernwerkzeug. In Betrieben mit Misstrauen wird sie zum Überwachungssymbol.
Oder anders gesagt:
KI macht Unternehmen nicht automatisch klüger.
Sie zeigt, wie gut Zusammenarbeit wirklich funktioniert. Wie transparent Entscheidungen sind. Wie lernfähig die Organisation ist, wenn etwas nicht sofort klappt.
Sabine merkt das im Kleinen. Seit dem offenen Gespräch in der Runde wird mehr gefragt. Nicht nur nach Ablage-Pfaden oder Excel-Tabellen – sondern nach Sinn.
„Was bringt uns das eigentlich?“
Eine einfache Frage. Mit großer Wirkung.
3 Learnings für eine KI-freundliche Unternehmenskultur im Mittelstand
Aus Sabines Geschichte lassen sich drei Einsichten ableiten, die eher selten in Leitfäden für digitale Transformation stehen – die aber über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.
1. KI scheitert dort, wo Menschen keinen Platz haben, unsicher zu sein
Ein neues System bedeutet immer auch: nicht wissen. Nicht können. Fehler machen.
Wenn Unsicherheit als Schwäche gilt, wird wenig über die eigene KI-Nutzung gesprochen. Wenn sie als Teil des Lernens akzeptiert wird, wird KI ausprobiert.
Praxisimpuls:
Sprich als Führungskraft offen über eigene Fehlversuche mit der KI. Ein Satz wie „Ich habe gestern komplett unbrauchbare Antworten bekommen – und erst dabei verstanden, was die KI von mir braucht“ wirkt stärker als jede Schulung.
2. KI ist kein Tool. Sie ist ein neuer Mitarbeiter ohne Stimme
Sie sieht alles, rechnet alles – aber sie darf nichts entscheiden. Das tun immer noch Menschen.
Wenn Mitarbeitende nicht verstehen, wofür die KI da ist, füllen sie diese Lücke selbst. Mit Vermutungen. Und oft mit Sorgen.
Praxisimpuls:
Starte keine Funktionsschulung, sondern ein Erwartungsgespräch. Frage: „Wobei soll uns diese KI helfen – und wobei ganz bewusst nicht?“
3. Zusammenarbeit schlägt jede noch so gute Datenbasis
Vertrieb, Produktion und Verwaltung sehen verschiedene Realitäten. KI kann sie verbinden – aber nur, wenn die Menschen es auch tun.
Praxisimpuls:
Bilde ein kleines, abteilungsübergreifendes KI-Team. Nicht als Projektgruppe, sondern als Erzählerkreis. Menschen, die regelmäßig teilen, was funktioniert hat – und was nicht.
Daten verändern keine Unternehmen. Gespräche tun es.
Fazit: Kultur als Fundament für nachhaltige KI-Transformation
Am nächsten Morgen steht Sabine wieder in der Teeküche. Der Kaffee dampft. Markus erzählt, dass er am Vorabend noch einen weiteren Test mit dem Agenten gemacht hat. „War eigentlich ganz ok“, sagt er und grinst, „ich hatte letztendlich die Entscheidungsgewalt und die Zügel in der Hand.“
Die Software ist dieselbe wie gestern. Die Maschinen auch. Der Markt hat sich nicht über Nacht verändert.
Aber etwas anderes ist in Bewegung geraten.
Die Fragen sind tiefgreifender geworden. Die Neugier größer. Die Gespräche ehrlicher.
Draußen zieht der Gabelstapler weiter seine Kreise. Drinnen beginnt etwas, das keine Software installieren kann.
Vielleicht wird Sabine sich in einem Jahr nicht mehr erinnern, welches System sie eingeführt hat.
Aber sie wird sich erinnern, wann ihr Unternehmen angefangen hat, anders zu denken.
Denn am Ende entscheidet nicht, wie intelligent eine KI ist.
Sondern, wie menschlich ein Unternehmen bleibt, während es sie einführt.
