Eigentlich wollte ich meinen Beitrag zur Blogparade #NewWorkPolicies ganz anders beginnen, aber aus aktuellem Anlaß fand ich es sinnvoll, den Anfang noch einmal zu überarbeiten und beginne nun so:

Seit dem 07.11.2020 steht fest: „There is hope!“ – mit der Abwahl Donald Trumps wächst die Hoffnung auf bessere Zeiten für Gesundheit, Gleichberechtigung, Wirtschaft und Klima. Wir dürfen uns beim 46. Präsidenten der USA, Joseph Biden, auf die Abkehr von infantilem und toxischem Verhalten – verbal und real – hin zu Dialog- und Diskussionsbereitschaft mit friedfertiger Kommunikation freuen, auch wenn sicherlich der vergiftende Trumpismus noch eine ganze Weile nachwirken und spalten wird. Wir dürfen erwarten, dass die USA Handelsbeziehungen wieder aufnehmen, Strafzölle auf europäische Waren zurücknehmen und wieder dem Pariser Klimaschutzabkommen beitreten. Wem bisher noch nicht klar war, dass Wirtschaft und Politik nicht trennbar sind, dem ist es vermutlich spätestens seit dem vergangenen Wochenende bewusst geworden.

Wirtschaft und Politik sind nicht trennbar

Unternehmen sind seit Langem auch politische Akteure. Wirtschaftslobbyismus nimmt politischen Einfluss, wenn es um internationale Handelsbeziehungen und -abkommen oder um Ein- und Ausfuhrbestimmungen geht. Der Austritt Großbritanniens aus der EU hat nicht nur Auswirkungen auf den Handel an sich, sondern auch auf alle beteiligten Prozesse: Der Hamburger Hafen z.B. machte im August darauf aufmerksam, dass aufgrund des Brexits mit rund drei Monaten zu rechnen sei, bis die Umstellung aller Zollprozesse abgeschlossen sei. Gleichzeitig profitieren Unternehmen auf nationaler Ebene nicht nur von staatlicher Stabilität und Verläßlichkeit in Form von Planungs- und Rechtssicherheit, sondern auch von Kollektivgütern wie guten Bildungssystemen (Fachkräfte), von Infrastruktur (Logistik, Daten), von Kultur und Kunst (Perspektivwechsel, Innovation) oder – ganz aktuell während der Corona-Pandemie – von funktionierenden Gesundheitssystemen.

Corporate Political Responsibility

Unsere westliche, industriell geprägte Gesellschaft steckt mitten in einem fundamentalen Kulturwandel, der nicht linear voranschreitet sondern sich netzwerkartig ausbreitet und in Gleichzeitigkeiten äußert:  Populismus, Rassismus, Demokratiemüdigkeit, Rechtsextremismus, eine blasse EU, Brexit, Zunahme autoritärer Staatsführungen in Europa, BigData, Klimawandel, Fake News, Cancel Culture, Hate Speech und nicht zuletzt eine Pandemie. Wir fragen uns zu Recht immer häufiger: „Wie wollen wir jetzt und in Zukunft leben (und arbeiten)?“ und stellen damit auch immer öfter die Systemfrage bzw. fordern veränderte Rahmenbedingungen durch die Politik.

Bisher gibt es für Unternehmen die Möglichkeit, sich u.a. mit dem Konzept der Corporate Social Responsibility (CSR) ihrer Verantwortung für Gesellschaft und Umwelt zu stellen. Ungeachtet der Tatsache, dass CSR oftmals als Feigenblatt für Greenwashing genutzt wird oder damit lediglich rudimentäres soziales Engagement betrieben wird, scheint CSR jedoch nicht wirkungsvoll genug für die aktuellen Herausforderungen zu sein. In einem 2015 erschienenen Artikel im Cicero nannte Autor Johannes Bohnen den Begriff der Corporate Political Responsibility (CPR). Unternehmen sollen ihre Kompetenzen und Ressourcen einsetzen, um eine gesellschaftspolitische Verantwortung zu übernehmen. (https://www.cicero.de/wirtschaft/corporate-political-responsibility-statt-csr-unternehmen-mischt-euch-ein/59194)*

Interessanterweise liegen politische Angebote zur Verantwortungsübernahme längst vor: Agenda 2030, Sustainable Development Goals (SDG), European Green Deal. Insbesondere die Sustainable Development Goals beziehen explizit die Wirtschaft ebenso wie politisches Engagement ein.

#NewWorkPolicy verstanden als Richtlinie für verantwortliches und zukunftsfähiges Wirtschaften kann und muss sich daher nicht nur gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen stellen, sondern auch politisch nach dem Motto „Der Staat sind wir alle!“ (J. Bohnen, 2020) agieren.

Entrepreneurs For Future – transorganisationales Fundament für #NewWorkPolicies

Dieses gesellschaftlich-politische Engagement – oder „transorganisationales Fundament“ wie es SterneundPlaneten im Beschreibungstext zur Blogparade formulieren – besteht bereits und ich bin ein klein wenig stolz, dazu beitragen zu können. Zum ersten weltweiten Klimastreik am 20. September 2019 rief der Bundesverband der grünen Wirtschaft, Unternehmensgrün e.V., die Initiative „Entrepreneurs For Future“ ins Leben. Innerhalb kürzester Zeit unterschrieben rund 3000 Unternehmen bundesweit die Stellungnahme, die politische Forderungen mit gleichzeitigem Bekenntnis zum eigenen nachhaltigen Wirtschaften verbindet: https://entrepreneurs4future.de/stellungnahme/ . Stand heute sind es mehr als 4.750 Unternehmen, die für mehr als 250.000 Arbeitsplätze und mehr als 33 Mrd. EUR Umsatz stehen. EntrepreneursForFuture, kurz E4F, solidarisiert sich mit der FridaysForFuture-Bewegung und unterstützt bei den Klimastreiks.

Die Kultur-Komplizen gehören in Stuttgart zum Kernteam der E4F Region Stuttgart (https://e4f-stuttgart.de/). Im Kernteam haben wir ein eigenes Grundsatzpapier erarbeitet, in dem wir unsere Intentionen und Ziele formulieren. Wir stehen sowohl in regelmäßigem Austausch mit den Stuttgarter Fridays als auch auch mit vielen anderen Stuttgarter Initiativen, die sich politisch engagieren. Im Kernteam treffen wir uns ca. alle 6 Wochen, ergänzt um eine redaktionelle Sitzung für unseren Newsletter und Blogbeiträge für die Website. Im Dezember 2019 fand unsere erste Veranstaltung „Einfach Machen!“ mit ca. 60 Teilnehmer:innen statt. Unsere zweite Veranstaltung musste coronabedingt zwar ausfallen, für Januar 2021 ist jedoch ein partizipatives Online-Event geplant.

Wir arbeiten engagiert daran, unser Netzwerk zu erweitern und gehen Partnerschaften mit anderen Initiativen und Organisationen ein. Wir beteiligen uns einerseits an Aktionen, Projekten und Initiativen, die nachhaltiges und gemeinwohlorientiertes Wirtschaften zum Ziel haben, andererseits zeigen wir auch direkte politische Verantwortung: Zur OB-Wahl in Stuttgart z.B. wurden gemeinsam mit anderen Initiativen Wahlprüfsteine entwickelt, an die potentiellen Kandidat:innen zur Beantwortung geschickt und deren Antworten auf unserer Website zur Verfügung gestellt.

Wozu braucht es politische Vertreter:innen bei #NewWorkPolicy?

Falls nun der Eindruck entstehen sollte, dass es Politik bzw. Politiker nicht mehr benötige, weil Unternehmen sich selbst engagieren – weit gefehlt! Im Gegenteil, eine transorganisationale #NewWorkPolicy erfordert sogar zwingend die Hilfe von Politiker:innen. Gerade wir – als Unternehmer und aktiv Engagierte – wünschen uns den direkten und regelmäßigen Austausch mit regionalen politischen Vertreter:innen um Veränderungen gemeinsam und parteiübergreifend zur erreichen. Es gibt so viele konkrete Hindernisse, die wir alleine nicht aus dem Weg räumen können, die jedoch notwendig sind, um neue Handlungsspielräume im New Work Kontext zu haben und um soziale und ökologische Innovationen umsetzen zu können, wie z.B.

  • Lieferkettengesetz voranbringen, um Lieferketten transparenter und nachverfolgbar zu machen
  • Rechtsformen für Unternehmen erneuern – Kapitalgesellschaften mit demokratischen Strukturen brauchen umfassende rechtliche Einbindungsmöglichkeiten für Mitarbeitende für strategische Letztentscheidungen und zur Verantwortungsübernahme.
  • Stärkere Digitalisierung und Reduzierung bürokratischer Vorgänge sowie Reduzierung von EU-Regularien auf Produktebene
  • klare und strategische Ausrichtung auf die SDGs auf Landes- und Bundesebene
  • Förderung von Unternehmen, die Gemeingüter erbringen und/oder zur Verfügung stellen
  • Innovations und – schutzzonen innerhalb von Stadtvierteln schaffen, um Kreislaufwirtschaft voranzubringen

In diesem Sinne – es gibt noch viel zu tun, wir freuen uns darauf.

Bis neulich,
Daniela

Zum Nachlesen:
Website E4F Region Stuttgart: https://e4f-stuttgart.de/
Interview Unternehmensgrün zu CPR: https://www.unternehmensgruen.org/blog/2020/03/03/corporate-political-responsibility-wenn-das-unternehmerische-politisch-wird/
Hafen Hamburg zum Brexit: https://www.hafen-hamburg.de/de/news/brexit-drei-monate-vorlauf-fuer-umstellung-der-zollprozesse-einplanen—36909

*Bohnen hat 2020 im Springer Gabler ein Buch mit dem Titel „Corporate Political Responsibility (CPR)“ veröffentlicht.

Bildquelle:
Pixabay, AnnaliseArt

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