Seite wählen

Das Wort Fehlerkultur ist schon ein Irrtum an sich, denn Fehler lassen sich nicht kultivieren. Das Wort ist ebenso falsch wie das Wort „Kinderbasar“, auf dem keine Kinder gehandelt werden und das daher seit einiger Zeit „Kindersachenbasar“ genannt wird. Fehler kommen vor, passieren oder werden gemacht. Unbewusst oder bewusst, fahrlässig oder mit Vorsatz.

Was sich jedoch kultivieren lässt, ist der Umgang mit Fehlern. Beim diesjährigen „LeanAroundTheClock – LATC in Mannheim bespielten wir für priomy eine der Themenboxen mit dem Titel „Old Work, New Work – Bridge over troubled water“. Neben der demokratischen Problemdefinition und der damit verbundenen Beziehungsarbeit sprachen wir das Thema Angst und Unsicherheit an und damit einen entsprechenden Umgang mit Fehlern in Unternehmen. Eine Ursache, warum sich Mitarbeitende nicht beteiligen wollen, ist oft in der Angst vor Fehlern zu suchen. Angst, weil Fehler unerwünscht sind und mit Sanktionen belegt werden, die mitunter zum Verlust des Arbeitsplatzes führen können. Daher gehört ein positiver Umgang mit Fehlern und Irrtümern zur Grundausstattung in Veränderungsprozessen.

Fehler oder Irrtum? Warum diese Unterscheidung?

Ich starte wie immer gerne bei der Wortherkunft und sie beginnt mit dem Verb „fehlen“, das einen Turnierausdruck bezeichnet. Es leitet sich aus dem Altfranzösischen her und meint „verfehlen, im Stich lassen, versagen, fehlschlagen“. Später kommt „mangeln, nötig sein“ hinzu. Das Mittelhochdeutsche kennt „fehlen“ als „verfehlen, nicht treffen“. Im Lateinischen „fallere“ steckt „betrügen, täuschen“ mit drin. Erst im 16. Jh. taucht der Fehler als Substantiv im Sinne von „Versehen, Fehlschuss“ auf.

Der Fehler an sich findet sich der Wortherkunft nach in einem prinzipiell geschlossenen System – hier der Turnierkampf – das einen Anfang und ein Ende hat. D.h. der Fehler hat eine Basis, der ein Regelwerk oder ein Standard zugrunde liegt und welches mir, dem Subjekt, mutmaßlich bekannt ist, weil ich Teil des Systems bin. Allerdings habe ich selbst diese Regeln oder Standards nicht geschaffen. Dieses Regelwerk soll zu einem festgelegten Ziel führen, wie z.B. der Sieg beim Turnierkampf, der Tod des Wildschweins beim Jagen. Passiert in diesem System ein Fehler, wird auch das Ziel verfehlt. Der Fehler selbst beinhaltet einen Mangel, das Fehlen von etwas. Er kann sich als Solitär-Fehler zeigen oder ein Feld von weiteren Fehlern nach sich ziehen.

Der Fehler ist unsichtbar solange das Ziel – oder ein Zwischenziel – nicht erreicht ist. Erst in der Rückschau, d.h. in der Betrachtung des Prozesses, der zum Verfehlen des Zieles führte, wird ein Fehler sichtbar. Weiterhin ist ein Fehler untrennbar mit einer Handlung verbunden, also einer körperlichen Aktion beim Turnierkampf z.B., ganz gleich ob es eine aktive Handlung, das Unterlassen einer Handlung oder das passive Geschehenlassen ist, und hat somit eine Dynamik.

Ein plakatives und sehr unschönes Beispiel für einen Fehler ist die Fehlgeburt. Hier formt (!) sich ein Lebewesen in einem geschlossenen System nach bestehenden Regeln mit dem Ziel nach 40 Wochen in ein anderes System – aus einer mit Flüssigkeit gefüllten Umgebung in eine mit Gas gefüllte Umgebung – einzutreten. Bei der Fehlgeburt, nicht der Irrtumsgeburt (!), fehlte im ersten System etwas, das für das Leben im zweiten System notwendig ist, daher kann das Ziel – nämlich als kleiner Mensch gut gerüstet für den nächsten Lebenszyklus geboren zu werden – nicht erreicht werden.

Vom Fehler zum Irrtum

Die spannende Frage ist nun: Woher kommt denn eigentlich der Mangel, der offensichtlich den Fehler zum Fehler werden läßt?

Goethe erklärt einen Fehler so:

„…wir sahen aber, dasz in fehlen der sinnliche begrif des irrens vorwaltet, der des mangelns sich erst daraus ableitet.“

Und damit wären wir beim Irrtum. Das Wort Irrtum leitet sich aus dem althochdeutschen „irrituom“ und steht für „Irrlehre, Irrgang“ (9. Jh.). Im Mittelhochdeutschen wird es zu „irretuom“ und bedeutet „Irrung, Hindernis, Schaden, Ketzerei, Streit“. Ein Irrtum bezeichnet in der Philosophie der Antike eine

„Täuschung, einen Zustand, eine Disposition oder Einstellung einer oder mehrerer Personen, die für wahr halten, was falsch ist.“ (Quelle: M. Gessmann, Philosophisches Wörterbuch)

Es geht also um mehr, als einen Fehler innerhalb eines Regelsystems zu machen. Es geht um eine geistige und/oder sinnliche Haltung.

Erkenntnis und Wahrheit

In Platons Politeia bzw. dort im Höhlengleichnis besteht der Irrtum im Nichterkennen von Wahrheit/Wirklichkeit. Die Wahrheit im Sinne einer objektiven Erkenntnis wiederum kann nur im Licht (dafür stellvertretend die Sonne; siehe Sonnengleichnis) erkannt und wahrgenommen (!) werden, weil das Licht in der Antike das Gute symbolisiert. Der Irrtum ist Teil der Dunkelheit und begrenzt durch die Abwesenheit von Licht das Erkennen von Wahrheit.

Da Wahrheit grundsätzlich mit dem Begriff Wissen in Zusammenhang gesetzt wird, hängt demnach der Irrtum mit einem anderen Wissen zusammen – ich vermeide hier bewusst den Begriff Nichtwissen. Dieses andere Wissen bedeutet also einen Mangel an Erkenntnis (von Wahrheit). Interessanterweise kann Wahrheit jedoch auch Irrtum sein. Eine erkannte Wahrheit zu einem bestimmten Zeitpunkt kann Jahrhunderte später als Irrtum identifiziert werden. Jahrhundertelang lautete eine gültige Wahrheit, dass die Erde eine Scheibe ist. Nun ja.

Wahrheit ist also nicht absolut, sondern immer relativ – zur Zeit, zur gesellschaftlichen Perspektive, zu individuellem Kenntnisstand, zu Fortschritt, etc. Im Höhlengleichnis sind Menschen seit Kindheit in Ketten gelegt. Diese Ketten symbolisieren Unfreiheit und menschliche Unvollkommenheit. Beides gilt in der Antike als Ursache für den Irrtum. Interessant an Platons Gleichnis ist, dass niemand der Gefangenen selbst nach Befreiung strebt. Erst eine Befreiung von außen führt zur umfassenden Erkenntnis, die jedoch nicht plötzlich, sondern erst in einem schmerzhaften und längeren Prozess erlangt wird. Platon lässt offen, wer genau der oder die Befreier sind und woher sie ihre Macht zur Befreiung beziehen.

In Irrtümern gefangen

Grundsätzlich scheint es nicht problematisch, in Irrtümern gefangen zu sein, zumindest macht Platon keine Aussage dazu, wie glücklich oder unglücklich die Gefesselten in ihrer Lage sind und vermutlich können sie auch ohne Erkenntnis überleben, solange sie mit Wasser und Brot versorgt werden. Der Irrtum unterliegt demnach keinem direkten Regelwerk wie der Fehler.

Ein Irrtum ist ein Indikator für eine individuelle (oder kollektive) Position, von der aus gehandelt werden kann. Die Handlung kann aus einer Selbst- oder Fremdtäuschung geschehen. Der Irrtum beinhaltet das Wissen und gleichzeitig die erkannte Wahrheit, die zum Zeitpunkt X zur Verfügung stehen. Im Irrtum selbst liegt nicht automatisch ein Mangel vor. In der Dialektik werden Wahrheit und Irrtum als wechselseitige Zusammenhänge betrachtet.

Irrtum im Strafrecht

Der Irrtum – nicht der Fehler – ist von jeher Gegenstand in der Rechtsprechung. Das ist umso verständlicher, weil machtvolle religiöse Institutionen die Idee des „unvollkommenen Menschen“ im Gegensatz zum „vollkommenen Gott“, der „unfehlbar urteilt“ über Jahrhunderte hinweg als universelle Wahrheit propagierten. Noch in Zeiten der Aufklärung nannte Kant die Unvollkommenheit der menschlichen Natur als Ursache für den Irrtum.

Im deutschen Rechtssystem ist der Irrtum im Strafrecht verankert. Hier hilft er als Indikator zur detaillierten Betrachtung der Tatumstände – z.B. ob Fahrlässigkeit oder Vorsatz vorliegt, um zu einem idealerweise objektiven Urteil zu kommen. Objektive Urteile galten bereits in der Antike als erstrebenswert. Solche Urteile konnten – verkürzt gesagt – nur von Personen gefällt werden, die aus einer Vernunfterkenntnis heraus urteilten.

Diese objektive Erkenntnis ließ einen Gegenstand, eine Sache so darstellen wie er/sie wirklich war und war nicht durch subjektive Wünsche, Ansichten oder Stimmungen verstellt. Diese Idee spiegelt sich heute noch im Begriff der Befangenheit wider. Jemand, der befangen ist, kann nicht objektiv urteilen, weil ihn subjektive Eindrücke (vielleicht drücken ihn oder sie die im Gleichnis beschriebenen Ketten) beschränken.

Irrtum, Fehler, Sanktion

Wie wir gesehen haben, ist der Irrtum an sich nichts Negatives – im hochreligiösen Mittelalter als alles, was mit Irren zu tun hatte, als ketzerisch galt, war das sicherlich noch anders. Mit Zunahme der Säkularisierung sanktionieren moderne Gesellschaften den Irrtum selbst nicht, denn er stört grundsätzlich erst einmal keine Ordnung und niemand wird für eine mutmaßliche Unvollkommenheit in Bezug auf etwas fiktives Göttliches bestraft.

Anders ist es mit dem Fehler. Der Fehler stört eine vorgegebene Ordnung bzw. ein System in direkter Weise. Ein Bildungssystem, das auf den Erwerb eines bestimmten Wissens ausgelegt ist, sanktioniert alles, was nicht in das Regelwerk zum Erwerb dieses Wissens passt. Am Ende dieses Systems steht jedoch ein fixes Wissen, das sich aus einer Vergangenheitsplanung ergibt. Fixes Wissen dient jedoch eher dem Erhalt von Macht in wenigen festen Strukturen und weniger der flexiblen Entwicklung einer heterogenen Gesellschaft.

Wenn eine Gesellschaft also Wert auf diese heterogene Entwicklung legt, weil sie Neues hervorbringen kann, ist es sinnvoll, dieses Wissen nicht starr, sondern anpassungsfähig zu machen. Aus der agilen Logik wissen wir längst, dass weit in die Zukunft geplante Ziele nicht mehr zeitgemäß sind. Es braucht erstens die regelmäßige und iterative Anpassung an veränderte Umgebungsparameter und im Sinne der Lean-Logik auch kontinuierliche Verbesserung.

Sinnvoller Umgang mit Irrtum und Fehlern in Unternehmen

Fehler sind in dieser agilen Logik zwingend notwendig. Sie müssen gemacht werden, um zu erkennen wo es im System zu einer bestimmten Zeit mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen hakt. Fehler sind hier Indikatoren für die Notwendigkeit der schnellen Anpassung. Sie machen Mängel im System sichtbar. Werden Fehler hier verschwiegen oder vertuscht aus Angst vor Sanktionen, und seien diese Sanktionen auch noch so gering, führt dies zu einer Kette weiterer Fehler, die destruktiv auf das ganze Unternehmen wirken können.

Irrtümer hingegen können ein großer Schatz für ein Unternehmen sein. Denn das Wissen, das in einem Irrtum liegt, liegt außerhalb der Standards und Regeln des Unternehmens – es mangelt hier also an Filterblasendenken, an Silodenken, an Konzerndenken oder ganz generell an isoliert auf das Unternehmen begrenzte Sichtweisen. Ein solcher Mangel bietet demnach die Chance aus dem eigenen Denken hinaus in ein anderes Denken zu schauen und im besten Fall davon zu profitieren und zu lernen.

In diesem Sinne: Errare humanum est.

 

Bis neulich,
Daniela

 

Bildquelle: Pixabay, CC-0 Lizenz gemeinfrei, bearbeitet